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Vergleich11. September 2026 · 4 Min Lesezeit

Prozessaufnahme oder Prozesssimulation? Was jede von beiden kann

Kurz gesagt

Eine Prozessaufnahme (Flussdiagramm, Swimlane, BPMN oder Wertstrom) beschreibt die Struktur: welche Schritte es gibt, wer sie ausführt, wo verzweigt wird. Sie ist die Grundlage für Dokumentation, Schulung, Audit und für die gemeinsame Verständigung im Workshop. Was sie nicht enthält, ist Verhalten unter Last: Ankunftsmenge, Streuung der Bearbeitungsdauern, Kapazität je Rolle und Kalender. Deshalb kann sie keine der vier Fragen beantworten, die in Verbesserungsprojekten gestellt werden: wo der Engpass sitzt, wie lange es im schlechten Fall dauert, wohin der Engpass nach einer Massnahme wandert und was diese Massnahme wert ist. Eine Aufnahme mit acht Schritten wird in etwa zwanzig Minuten zum Rechenmodell.

Inhaltsverzeichnis

Was eine Prozessaufnahme leistet

Unterschätzt wird sie meist von Leuten, die rechnen wollen. Ein gemeinsames Bild:

  • beendet Streit über Wirklichkeit. Zwei Abteilungen, die denselben Prozess verschieden beschreiben, merken das erst am Diagramm.
  • macht Verantwortung sichtbar. Swimlanes zeigen Übergaben, und Übergaben sind die Stellen, an denen Vorgänge liegen bleiben.
  • ist die Grundlage für Dokumentation, Schulung, Audit und Softwareentwicklung. Ein Rechenmodell taugt dafür nicht.
  • kostet fast nichts und ist in einem Workshop entstanden, nicht in einem Projekt.

Die verbreiteten Formen unterscheiden sich weniger, als ihre Fürsprecher behaupten:

FormStärkeBlindstelle
FlussdiagrammSofort verständlich, keine Schulung nötigKeine Rollen, keine Zeiten
SwimlaneÜbergaben und Zuständigkeiten sichtbarKeine Mengen, keine Kapazität
BPMN 2.0Normiert, austauschbar, ausführungsnahVerhalten unter Last fehlt vollständig
Wertstrom (VSM)Bestände und Liegezeiten enthaltenMomentaufnahme, keine Schwankung
SIPOCSchnelle Abgrenzung, gut für den ProjektstartSehr grob, keine Ablauflogik

Der Wertstrom kommt der Rechnung am nächsten: Er führt Liegezeiten und Bestände. Aber er misst sie an einem Tag für einen typischen Vorgang und beantwortet damit nicht, was am Spitzentag passiert.

Was in keiner Aufnahme steht

Vier Angaben, unabhängig von der Notation:

  1. Ankunftsmenge und ihre Schwankung. „120 Vorgänge am Tag“ und „180 am Monatsersten“ stehen in keinem Diagramm.
  2. Streuung der Bearbeitungsdauern. Ein Kästchen mit „10 Min“ ist ein Mittelwert. Die Warteschlange entsteht aber aus der Spanne, nicht aus dem Mittel.
  3. Kapazität je Rolle. Drei Personen mal sieben produktive Stunden. Ohne diese Zahl gibt es keine Auslastung.
  4. Kalender und Kosten. Wann wird gearbeitet, was kostet eine Stunde in dieser Rolle.

Ohne diese vier lässt sich kein Diagramm rechnen, egal welches Werkzeug es öffnet. Das gilt auch für BPMN mit Simulationsmodul: Auch dort tragen Sie diese Werte in eigenen Dialogen nach, siehe BPMN-Simulation.

Die vier Fragen, an denen ein Bild scheitert

„Wo ist der Engpass?“ Im Diagramm sieht jeder Kasten gleich aus. Der Engpass ist der Schritt mit der höchsten Auslastung, und Auslastung ist keine Eigenschaft des Bildes.

„Wie lange dauert es im schlechten Fall?“ Ein Diagramm hat keine Verteilung. Es kann keinen Unterschied zwischen P50 und P90 kennen, und Zusagen werden gegen das P90 gegeben.

„Was passiert, wenn wir Schritt 3 automatisieren?“ Im Bild verschwindet ein Kasten. In der Wirklichkeit trifft die volle Menge den nächsten Schritt, und der Engpass wandert dorthin. Diese Folgewirkung ist der häufigste Grund, warum Automatisierungsprojekte ihre Zahlen verfehlen.

„Was ist das in Euro wert?“ Dafür braucht es Mengen, Zeiten und Sätze, dazu die Warteschlange, in der ein grosser Teil der Kosten steckt.

Wann eine Aufnahme genügt

Nicht jeder Prozess braucht ein Rechenmodell. Eine Aufnahme reicht, wenn:

  • niemand wartet. Läuft der Prozess weit unter der Kapazitätsgrenze, ist die Bearbeitungszeit die Durchlaufzeit. Dann ist eine Addition ehrlicher als eine Simulation.
  • das Ziel Dokumentation ist. Audit, Schulung, Einarbeitung, Nachweispflicht.
  • der Prozess neu gebaut wird und noch niemand Zahlen hat. Erst zeichnen, dann Zahlen sammeln, dann rechnen.
  • die Entscheidung ohnehin feststeht. Ein Modell, das eine getroffene Entscheidung belegen soll, ist keine Analyse, sondern Dekoration.

Vom Bild zum Modell: der Weg

Der Übergang kostet weniger, als die meisten annehmen, sofern man dem Impuls widersteht, das Diagramm eins zu eins zu übernehmen.

  1. Grob zusammenfassen. Eine dokumentationsreife Aufnahme hat dreissig Aktivitäten; ein Rechenmodell braucht fünf bis zehn. Fassen Sie zusammen, was dieselbe Rolle nacheinander tut.
  2. Verzweigungen auf die echten reduzieren, mit Anteil je Kante, nicht mit allen Sonderfällen.
  3. Abbrüche ergänzen. Alles, was den Prozess verlässt (abgelehnt, zurückgezogen, versandet). In Aufnahmen fehlen sie fast immer, in der Rechnung sind sie entscheidend.
  4. Die vier fehlenden Angaben beschaffen. Das ist die eigentliche Arbeit: rund zwei Stunden für einen mittleren Prozess.
  5. Rechnen und mit Little's Law prüfen. Bestand ÷ Tagesdurchsatz gegen die gerechnete Durchlaufzeit.

Rechnen Sie mit zwanzig Minuten für die Übertragung und zwei Stunden für die Daten. Wer diese Verhältnisse kennt, hört auf, das Diagramm für den teuren Teil zu halten.

Nebeneinander

ProzessaufnahmeProzesssimulation
BeantwortetWie läuft es?Was passiert unter Last?
EnthältStruktur, Rollen, Verzweigungenzusätzlich Mengen, Spannen, Kapazitäten, Kalender
AusgabeDiagrammDurchsatz, Durchlaufzeit als Band, Auslastung, Kosten
LebensdauerJahre, versioniertWochen, für eine Entscheidung
Detailgrad20–30 Aktivitäten5–10 Schritte
AufwandStundenein halber Tag, überwiegend Datenbeschaffung
Scheitert anjeder Zahlenfragedem Anspruch, Dokumentation zu sein

Die praktische Regel: Beides, aber nacheinander und nicht im selben Artefakt. Ein Diagramm, das gleichzeitig Dokumentation und Rechenmodell sein soll, ist für beides zu fein oder zu grob.

Häufige Fragen

Kann ich aus einem BPMN-Diagramm direkt eine Simulation machen?

Nicht ohne Zusatzangaben. BPMN beschreibt die Struktur; für die Rechnung fehlen Ankunftsmenge, Streuung, Kapazität und Kalender. Werkzeuge mit Simulationsmodul fragen diese Werte in eigenen Dialogen ab. Der Import spart Ihnen die Struktur, nicht die Daten. Die Daten sind die Arbeit.

Reicht eine Wertstromanalyse nicht aus?

Sie kommt der Rechnung am nächsten, weil sie Bestände und Liegezeiten führt. Was ihr fehlt, ist Schwankung: Sie misst an einem Tag für einen typischen Vorgang. Ausserdem zeigt sie die Verkettung nicht: Ein Schritt hinter dem Engpass wirkt entspannt, weil er nur bekommt, was der Engpass durchlässt, und wird nach dessen Lösung selbst zum Engpass.

Wie detailliert sollte ein Rechenmodell sein?

Fünf bis zehn Schritte. Das ist deutlich grober als eine dokumentationsreife Aufnahme, und das ist beabsichtigt: Der Engpass sitzt an der Stelle mit der höchsten Auslastung, und die ist bei grober Modellierung genauso sichtbar. Jede zusätzliche Aktivität kostet Eingabefelder, ohne das Ergebnis zu bewegen.

Wir haben schon 200 Prozesse dokumentiert. Können wir die alle simulieren?

Sinnvoll ist das selten. Simulation lohnt sich dort, wo Vorgänge warten und eine Entscheidung ansteht, typischerweise bei einer Handvoll Prozesse gleichzeitig. Die übrigen 195 Dokumentationen behalten ihren Wert als Dokumentation. Ein Modell ohne anstehende Entscheidung ist Pflegeaufwand ohne Ertrag.

Ersetzt Simulation die Prozessaufnahme?

Nein. Die Aufnahme klärt, wie der Prozess läuft, und schafft die gemeinsame Grundlage. Ohne sie modellieren Sie einen Ablauf, dem die Beteiligten nicht zustimmen. Die Simulation setzt darauf auf und beantwortet die Fragen nach Last, Engpass und Wirkung. Beides hat verschiedene Leser und verschiedene Lebensdauern.

FlowVisual

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