BPMN-Simulation

BPMN beschreibt den Ablauf. Simulation braucht vier Angaben mehr

Ein BPMN-Diagramm sagt, welche Schritte es gibt, wer sie macht und wo verzweigt wird. Rechnen lässt es sich damit nicht: Ankunftsrate, Streuung, Kapazität und Kalender stehen nicht in der Notation. Diese Seite sagt, welche BPMN-Werkzeuge simulieren, was ihre Simulation jeweils leistet — und wann Sie die Notation für die Rechnung gar nicht brauchen.

NotationBPMN 2.0 (OMG)
SimulationsdatenBPSim (WfMC)
FlowVisualSechs Bausteine, kein BPMN
Kurz gesagt

BPMN 2.0 ist eine Notation für den Ablauf, kein Rechenmodell. Für eine Simulation fehlen vier Angaben, die in keinem BPMN-Diagramm stehen: wie viele Vorgänge ankommen, wie stark Bearbeitungsdauern streuen, wie viel Kapazität je Rolle vorhanden ist und welcher Kalender gilt. Werkzeuge wie Bizagi Modeler, Signavio, ARIS, Trisotech oder Cardanit ergänzen diese Angaben in eigenen Dialogen — teils über die WfMC-Erweiterung BPSim, teils proprietär, abhängig von Produkt und Edition. Wer eine normkonforme Dokumentation braucht, modelliert in BPMN. Wer nur die Zahl braucht, kommt ohne Notation schneller ans Ziel.

01Grundlage

Was in BPMN steht — und was nicht

Die Trennung ist keine Spitzfindigkeit. Sie erklärt, warum sich ein importiertes Diagramm nicht auf Knopfdruck rechnen lässt, egal welches Werkzeug es öffnet.

Was BPMN 2.0 beschreibt: Aktivitäten, Ereignisse, Gateways, Sequenzflüsse, Pools und Lanes, Nachrichten, Subprozesse. Also die Struktur des Ablaufs — vollständig, standardisiert und zwischen Werkzeugen austauschbar.

Was BPMN 2.0 nicht beschreibt: das Verhalten unter Last. Konkret fehlen vier Angaben:

AngabeBeispielWarum sie entscheidet
Ankunftsprozess120 Vorgänge/Tag, Spitzentag 180Ohne Menge gibt es keine Auslastung und damit keinen Engpass
Streuung der DauernBearbeitung 5–15 min statt „10 min“Warteschlangen entstehen aus Streuung, nicht aus Mittelwerten
Kapazität je Rolle3 Personen × 7 produktive StundenBestimmt, ob ein Schritt über oder unter 100 % läuft
Kalender und KostenMo–Fr 8–17 Uhr, 53 €/h VollkostenMacht aus Wartezeit eine Zahl in Euro

Die WfMC-Erweiterung BPSim (Business Process Simulation Interchange Standard) ist genau dafür gemacht: Sie hängt diese Parameter als eigenen Abschnitt an eine BPMN-Datei. Praktisch ist ihre Verbreitung überschaubar — die meisten Werkzeuge speichern Simulationsparameter in eigenen Feldern, weshalb ein Modellwechsel selten das Neueintragen erspart.

Die Folge für Ihr Projekt: Der Import eines BPMN-Diagramms spart Ihnen die Struktur, nicht die Daten. Und die Daten sind die Arbeit.

02Werkzeuge

Welche BPMN-Werkzeuge tatsächlich rechnen

„Simulation ✓“ auf einer Vergleichsseite steht für alles zwischen „färbt Kästchen ein“ und „diskreter Ereignissimulator“. Diese Einordnung ist nach Rechentiefe sortiert, nicht nach Anbietergrösse — und sie ist ein Ausgangspunkt für Ihre Prüfung, keine Ablösung dafür.

WerkzeugArt der SimulationBemerkung
Bizagi ModelerStufenweise: Prozessvalidierung, Zeit-, Ressourcen-, KalenderanalyseDer bekannteste Einstieg; Modellierung frei nutzbar, Simulationsumfang je nach Edition
SAP SignavioSimulationsmodul innerhalb der SuiteStärke ist Prozessarchiv und Governance; Simulation ist ein Baustein davon
Software AG ARISSimulationsmodul, historisch mit grosser TiefeSinnvoll, wenn ARIS ohnehin betrieben wird
Trisotech, CardanitProzesssimulation im Browser, BPMN-nahKleinere Anbieter, oft direkter bedienbar
CamundaKeine SimulationAusführungsmaschine: lässt echte Vorgänge laufen, nicht simulierte. Wird regelmässig verwechselt
bpmn.io / bpmn-jsKeine SimulationBibliothek zum Zeichnen und Einbetten, kein Rechenkern
Simulationslabore (Arena, Simul8, AnyLogic)Sehr stark, BPMN meist nur als ImportRechnen tiefer als jede BPM-Suite, aber die Notation ist dort nicht das Modell

Drei Fragen an jeden Anbieter, bevor Sie sich auf ein Werkzeug festlegen:

  1. Ist die Simulation in dieser Edition enthalten, oder in einer teureren?
  2. Bildet sie Warteschlangen vor belegten Schritten ab — oder addiert sie nur Bearbeitungszeiten entlang der Pfade?
  3. Bekomme ich ein Ergebnis als Spanne (P10–P90) oder eine einzelne Zahl?

Bei Frage 2 trennt sich die Kategorie: Ein Werkzeug, das Pfaddauern aufsummiert, nennt sein Ergebnis „Durchlaufzeit“, meint aber Bearbeitungszeit. In Verwaltungsprozessen ist der Unterschied selten kleiner als Faktor drei.

03Praxis

Der Weg, der in der Praxis funktioniert

Nicht entweder-oder. Die beiden Artefakte haben verschiedene Leser und verschiedene Lebensdauern.

Das BPMN-Diagramm ist für Menschen und Systeme, die den Ablauf kennen müssen — Qualitätsmanagement, Revision, Schulung, Softwareentwicklung. Es lebt Jahre und wird versioniert.

Das Rechenmodell ist für eine Entscheidung — lohnt sich diese Automatisierung, hält der Prozess das doppelte Volumen aus, wo stellen wir die halbe Stelle ein. Es lebt Wochen und wird weggeworfen, sobald entschieden ist.

Der übliche Ablauf:

  1. Ablauf in BPMN dokumentieren, wenn er dokumentiert gehört — Struktur, Verantwortlichkeiten, Ausnahmen.
  2. Für die Entscheidung ein grobes Rechenmodell aufsetzen: fünf bis zehn Schritte, nicht dreissig. Der Engpass sitzt fast nie im Detail.
  3. Mengen, Spannen, Kapazitäten und Sätze eintragen — die Arbeit, die BPMN Ihnen nicht abnimmt.
  4. Rechnen, Ist-Stand sichern, einen Hebel ändern, vergleichen.
  5. Die Entscheidung mit dem Ergebnis begründen, das Diagramm für die Dokumentation behalten.

Wer Schritt 2 im selben Werkzeug macht wie Schritt 1, spart einen Werkzeugwechsel und kauft sich dafür ein: Detaillierungsdruck. Ein dokumentationsreifes Diagramm hat dreissig Aktivitäten, ein rechenbares Modell braucht zehn — und jede zusätzliche Aktivität kostet Sie fünf Eingabefelder.

04Position

Warum FlowVisual bewusst kein BPMN-Werkzeug ist

Sechs Bausteine statt einer Notation. Das ist eine Einschränkung, und sie ist beabsichtigt.

FlowVisual kennt Start, Schritt, Entscheidung, Zusammenführung, Abbruch und Ende. Kein Pool, keine Lane, kein Nachrichtenereignis, kein Subprozess-Marker, keine Notationsprüfung.

Was das kostet: Sie bekommen hier keine normkonforme Prozessdokumentation. Wenn Ihr Qualitätsmanagement ein BPMN-2.0-Diagramm verlangt, brauchen Sie ein BPMN-Werkzeug — daran führt kein Weg vorbei.

Was das bringt: Der Fachbereich diskutiert im Workshop über den Prozess statt über die Notation. Ein Modell steht in zehn Minuten, nicht in zwei Stunden. Und alle Eingabefelder, die es gibt, sind solche, die das Ergebnis verändern: Menge, Spanne, Kapazität, Rolle, System, Satz.

Die ehrliche Faustregel:

  • Sie brauchen ein Dokument, das eine Norm oder eine Revision erfüllt → BPMN-Werkzeug.
  • Sie brauchen eine Zahl, die ein Entscheider unterschreibt → Rechenmodell, Notation zweitrangig.
  • Sie brauchen beides → beides, aber nacheinander und nicht im selben Artefakt.

Die längere Fassung dieses Vergleichs steht im Artikel BPMN-Tool mit Simulation.

Auf einen Blick
Notation
BPMN 2.0 wird bewusst nicht unterstützt — sechs Bausteine statt Notation
Import
Kein BPMN-Import. Die Struktur ist in zehn Minuten neu gezeichnet, die Daten müssten Sie ohnehin eintragen
Rechenkern
Diskrete Ereignissimulation mit Warteschlangen vor belegten Schritten, Monte-Carlo-Wiederholung
Ergebnis
Durchsatz, Durchlaufzeit, Auslastung und Kosten als P10–P50–P90
Empfehlung
BPMN-Werkzeug für die Dokumentation, Rechenmodell für die Entscheidung

Häufige Fragen

Kann man ein BPMN-Diagramm direkt simulieren?

Nicht ohne Zusatzangaben. BPMN beschreibt die Struktur des Ablaufs, nicht das Verhalten unter Last. Vor jedem Lauf müssen Ankunftsrate, Streuung der Bearbeitungsdauern, Kapazität je Rolle und Kalender ergänzt werden. Werkzeuge mit Simulationsmodul fragen diese Werte in eigenen Dialogen ab; die Standarderweiterung dafür heisst BPSim, ist aber nicht überall umgesetzt.

Was ist BPSim?

Der Business Process Simulation Interchange Standard der WfMC. Er hängt Simulationsparameter — Ankünfte, Verteilungen, Ressourcen, Kosten, Szenarien — als eigenen Abschnitt an eine BPMN-Datei, damit sie zwischen Werkzeugen austauschbar werden. Die Idee ist richtig; die Verbreitung ist begrenzt, weshalb ein Werkzeugwechsel in der Praxis meist bedeutet, die Zahlen neu einzutragen.

Ist Camunda ein Simulationswerkzeug?

Nein, und das ist eine der häufigsten Verwechslungen. Camunda ist eine Ausführungsmaschine: Sie lässt echte Vorgänge durch einen BPMN-Prozess laufen und misst, was dabei passiert. Simulation rechnet dagegen einen Prozess, den es so noch nicht gibt — etwa nach einer geplanten Automatisierung. Beides ist nützlich, beantwortet aber verschiedene Fragen.

Wie viele Aktivitäten sollte ein Simulationsmodell haben?

Fünf bis zehn. Ein dokumentationsreifes BPMN-Diagramm hat oft dreissig und mehr — für die Rechnung ist das schädlich, weil jede zusätzliche Aktivität Eingabefelder verlangt, ohne das Ergebnis zu verändern. Der Engpass ist der Schritt mit der höchsten Auslastung, und der ist bei grober Modellierung genauso sichtbar wie bei feiner.

Unterstützt FlowVisual BPMN?

Nein, bewusst nicht. Es gibt sechs Bausteine und keine Notationsprüfung. Wer ein normkonformes BPMN-2.0-Diagramm für Qualitätsmanagement oder Revision braucht, benötigt zusätzlich ein BPMN-Werkzeug. Der Vorteil des Verzichts ist Tempo: Ein rechenbares Modell steht in zehn Minuten, und im Workshop wird über den Prozess gestritten statt über die Notation.

FlowVisual

Die Zahl zuerst, das Diagramm danach

Bauen Sie den Ablauf grob aus sechs Bausteinen, tragen Sie Mengen und Spannen ein und lassen Sie ihn laufen. Wenn die Entscheidung steht, wissen Sie auch, welchen Teil des Prozesses zu dokumentieren sich lohnt.

Anleitung: in sieben Schritten zur Zahl