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Methode9. September 2026 · 4 Min Lesezeit

Ereignisdiskrete Simulation für Geschäftsprozesse

Kurz gesagt

Ereignisdiskrete Simulation (DES) bildet einen Prozess als Folge von Ereignissen ab: Ankunft, Bearbeitungsbeginn, Bearbeitungsende, Schichtwechsel. Die Uhr springt jeweils zum nächsten geplanten Ereignis, statt in festen Zeitschritten zu laufen. Deshalb kostet ein Modelltag Rechenzeit im Millisekundenbereich. Entitäten sind die Vorgänge, Ressourcen die Bearbeitungskapazitäten, Warteschlangen entstehen, wenn beides nicht zusammenpasst. Für Geschäftsprozesse sind drei Entscheidungen wichtig: exponentialverteilte Ankunftsabstände als Standardannahme, rechtsschiefe Verteilungen für Bearbeitungsdauern, und genug Wiederholungen, dass das Ergebnisband stabil bleibt.

Inhaltsverzeichnis

Warum „diskret“ und warum „ereignisorientiert“

Es gibt zwei Wege, Zeit in einer Simulation zu behandeln.

Zeitschritt-orientiert: Die Uhr läuft in festen Schritten (jede Minute, jede Sekunde), und bei jedem Schritt wird geprüft, was passiert ist. Einfach zu programmieren, verschwenderisch im Betrieb: Zwischen zwei Ereignissen in einem Freigabeprozess liegen Stunden, in denen nichts passiert und trotzdem gerechnet wird.

Ereignisorientiert: Die Uhr springt zum Zeitpunkt des nächsten geplanten Ereignisses. Zwischen den Ereignissen ändert sich nichts, also muss auch nichts gerechnet werden.

Ereignisliste (nach Zeit sortiert):
  09:14  Ankunft Vorgang #418
  09:22  Bearbeitungsende #402 an Schritt "Prüfung"
  09:40  Schichtwechsel Freigabe
  ...
Uhr springt auf 09:14, verarbeitet, plant Folgeereignisse ein, springt weiter.

„Diskret“ heisst: Der Zustand ändert sich sprunghaft an einzelnen Zeitpunkten, nicht kontinuierlich. Das passt genau zu Geschäftsprozessen. Ein Antrag ist bearbeitet oder nicht, halb bearbeitet gibt es nicht.

Die vier Bausteine

BausteinIn Ihrem ProzessWas er tut
EntitätRechnung, Antrag, Ticket, BewerbungLäuft durch das Modell, trägt Eigenschaften
RessourceSachbearbeiterin, Freigabeberechtigter, PrüfstelleHat Kapazität, ist frei oder belegt
WarteschlangePostkorb, Ticketliste, WiedervorlageEntsteht von selbst, wenn Ressource belegt ist
EreignisAnkunft, Beginn, Ende, SchichtwechselVerändert den Zustand, plant Folgeereignisse

Die wichtigste Eigenschaft: Warteschlangen werden nicht modelliert, sie entstehen. Wer eine Liegezeit von drei Tagen als festen Schritt einträgt, hat das Ergebnis vorausgesetzt statt es zu berechnen. Er kann anschliessend nicht zeigen, wie sich diese Zeit ändert, wenn Kapazität oder Streuung sich ändern.

Die drei Entscheidungen, an denen Modelle scheitern

1. Welche Verteilung?

Für Ankunftsabstände: exponentiell. Das ist die Standardannahme, wenn Vorgänge unabhängig voneinander eintreffen, etwa Rechnungen von verschiedenen Lieferanten oder Tickets von verschiedenen Nutzern. Sie erzeugt genau das Verhalten, das man im Postkorb beobachtet: lange ruhige Strecken, dann drei auf einmal.

Nicht exponentiell ist der Eingang, wenn er getaktet ist: ein Sammellauf am Monatsende, eine tägliche Übergabe um 8 Uhr. Dann brauchen Sie einen Kalender, keine Verteilung.

Für Bearbeitungsdauern: rechtsschief. Lognormal oder Gamma. Wenn Sie nur Schätzungen haben, dreiecksverteilt aus Minimum, wahrscheinlichstem Wert und Maximum. Der Grund: Bearbeitungszeiten haben eine harte Untergrenze und einen langen rechten Ausläufer. Eine Normalverteilung erzeugt negative Dauern und unterschätzt die Ausreisser, die die Warteschlange erzeugen.

Faustregel für die Praxis: Wenn Sie nur „5 bis 15 Minuten“ wissen, nehmen Sie eine Dreiecksverteilung mit Modus bei 8. Die Wahl zwischen Lognormal und Gamma bewegt das Ergebnis weniger als die Frage, ob Sie überhaupt streuen lassen.

2. Aufwärmphase

Eine Simulation startet mit leeren Warteschlangen. Das ist ein Zustand, den Ihr Prozess nie hat. Die ersten Modelltage sind deshalb systematisch zu gut.

Behandlung: Entweder die ersten Tage aus der Auswertung ausschliessen (Warm-up), oder mit einem realistischen Anfangsbestand starten. Für Prozesse mit Auslastung deutlich unter 85 % genügen wenige Tage; nahe an der Grenze kann die Einschwingzeit Wochen betragen.

Woran Sie es merken: Wenn der Durchschnitt der ersten Woche deutlich unter dem der zweiten liegt, war die Aufwärmphase zu kurz.

3. Wie viele Läufe?

Ein einzelner Lauf ist eine Stichprobe von eins. Er sagt über den Prozess so viel wie ein einzelner Arbeitstag. Wiederholt wird mit neuen Zufallszahlen, bis das Ergebnisband stabil ist.

Praktisches Kriterium: Verdoppeln Sie die Anzahl der Läufe. Wenn sich P50 und P90 dabei um weniger als ein paar Prozent bewegen, reicht die Zahl. Für Geschäftsprozesse liegt sie typischerweise bei mehreren hundert.

Wichtiger als die genaue Zahl: Dass überhaupt wiederholt wird und dass die Ausgabe ein Band ist. Eine Simulation, die eine einzelne Zahl ausgibt, hat den Zweck des Verfahrens verfehlt.

Der Vergleich der Sichtweisen

ProzessorientiertEreignisorientiert
Sie beschreibenden Lebenslauf einer Entitätwas bei jedem Ereignistyp passiert
Beispiel„Rechnung kommt an, wartet, wird geprüft, wartet, wird freigegeben“„Bei Ankunft: einreihen. Bei Ressource frei: nächste ziehen“
Verbreitet inSimPy, Simul8, den meisten kommerziellen Werkzeugenälteren Bibliotheken, eigenen Implementierungen

Für Geschäftsprozesse ist die prozessorientierte Sicht die natürlichere: Sie schreiben auf, was einem Vorgang passiert, und das entspricht genau der Art, wie ein Fachbereich seinen Ablauf beschreibt.

Validierung: drei Prüfungen

1. Little's Law. Bestand ÷ Durchsatz muss ungefähr die Durchlaufzeit ergeben, im Modell wie in der Wirklichkeit. Diese Prüfung gilt ohne Annahmen über Verteilungen und ist deshalb die stärkste, die es gibt.

2. Auslastung gegen Handrechnung. ρ = Bedarf ÷ Kapazität lässt sich je Schritt mit einem Taschenrechner nachrechnen. Weicht das Modell stark ab, ist eine Verzweigung oder ein Kalender falsch.

3. Extremwerttest. Setzen Sie die Kapazität eines Schritts auf das Doppelte. Wenn sich nichts ändert, war dieser Schritt nie der Engpass. Wenn Sie das nicht erwartet haben, stimmt Ihr Modell nicht mit Ihrer Vorstellung überein. Genau dann fängt die interessante Diskussion an.

Wo DES nicht das richtige Verfahren ist

  • Beteiligte treffen eigene Entscheidungen, die den Ablauf verändern (Kunden brechen ab, Bearbeiter wählen sich Fälle aus) → agentenbasierte Simulation.
  • Es geht um Bestände und Rückkopplungen über Jahre (Personalaufbau, Marktdynamik) → Systemdynamik.
  • Es gibt keine Warteschlangen, weil Kapazität reichlich vorhanden ist → eine Addition genügt.
  • Die Frage lautet, was tatsächlich passiert ist → Process Mining. DES rechnet eine Annahme, kein Protokoll.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen ereignisdiskreter und agentenbasierter Simulation?

DES bildet Vorgänge ab, die durch feste Stationen laufen und vor belegten Ressourcen warten. Die Logik liegt im Prozess. Agentenbasierte Simulation bildet Beteiligte mit eigenen Regeln ab, die miteinander interagieren. Die Logik liegt in den Agenten. Für einen Freigabeprozess ist DES richtig; sobald Beteiligte selbst entscheiden, ob und wie sie weitermachen, wird ABS interessant.

Welche Verteilung soll ich für Bearbeitungszeiten nehmen?

Eine rechtsschiefe: Lognormal oder Gamma, wenn Sie Daten haben, Dreiecksverteilung aus Minimum, wahrscheinlichstem Wert und Maximum, wenn Sie schätzen. Keine Normalverteilung. Sie erzeugt negative Dauern und unterschätzt die langen Fälle, die die Warteschlange treiben. Wichtiger als die Wahl zwischen den rechtsschiefen Kandidaten ist, dass überhaupt gestreut wird.

Wie lang muss die Aufwärmphase sein?

So lang, bis sich Bestand und Wartezeit nicht mehr systematisch aufbauen. Bei Auslastungen deutlich unter 85 % sind das wenige Modelltage; nahe an der Kapazitätsgrenze können es Wochen sein, weil sich die Warteschlange dort sehr langsam einpendelt. Ein einfacher Test: Liegt der Durchschnitt der ersten Woche deutlich unter dem der zweiten, war die Phase zu kurz.

Warum springt die Uhr, statt gleichmässig zu laufen?

Weil zwischen zwei Ereignissen nichts passiert, das gerechnet werden müsste. In einem Freigabeprozess liegen zwischen Ankunft und Bearbeitungsbeginn oft Stunden ohne Zustandsänderung. Der Ereignissprung macht ein Modelljahr in Sekunden rechenbar. Er ist der Grund, warum hunderte Wiederholungen praktikabel sind.

Brauche ich für DES eine Programmiersprache?

Nein. Bibliotheken wie SimPy verlangen Code, kommerzielle Werkzeuge und schlanke Entscheidungswerkzeuge nicht. Der Unterschied liegt in der Verantwortung: Mit einer Bibliothek treffen Sie Verteilungswahl, Aufwärmphase und Replikationszahl selbst; ein Werkzeug mit Oberfläche nimmt Ihnen diese Entscheidungen teilweise ab und rechnet dafür flacher.

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