Process Mining oder Simulation? Vergangenheit gegen Zukunft
Process Mining rekonstruiert aus Systemprotokollen, wie ein Prozess tatsächlich gelaufen ist: Varianten, echte Durchlaufzeiten, Schleifen, Regelverstösse. Es braucht dafür ein Event-Log mit Vorgangsnummer, Aktivität und Zeitstempel. Prozesssimulation rechnet dagegen einen Prozess, den es so noch nicht gibt (nach einer Automatisierung, bei doppeltem Volumen, mit anderer Rollenverteilung), und braucht dafür kein Log, sondern Mengen, Spannen und Kapazitäten. Faustregel: Wollen Sie wissen, was gestern war, ist Mining richtig; wollen Sie wissen, was morgen passiert, sobald Schritt 3 automatisiert ist, ist es Simulation. Zusammen sind sie stark: Mining liefert die Eingangswerte, die eine Simulation sonst schätzen muss.
Inhaltsverzeichnis
Der Unterschied in einem Satz
Process Mining schaut zurück und misst. Simulation schaut nach vorn und rechnet.
Alles Weitere folgt daraus. Auch die Datenanforderung, auch die Grenzen, auch die Frage, welches der beiden Ihr Problem löst.
Was Process Mining tut
Aus den Protokollen Ihrer Systeme (ERP, Ticketsystem, Workflow-Engine) wird der tatsächliche Ablauf rekonstruiert. Nötig sind drei Spalten:
Vorgangsnummer | Aktivität | Zeitstempel
---------------|------------------------|------------------
RE-2026-0418 | Rechnung erfasst | 2026-03-02 09:14
RE-2026-0418 | Zur Freigabe gesendet | 2026-03-02 09:22
RE-2026-0418 | Freigegeben | 2026-03-09 16:40
Daraus entsteht:
- Der echte Ablauf, nicht der dokumentierte. Regelmässig eine Überraschung.
- Varianten: Wie viele verschiedene Wege nimmt ein Vorgang tatsächlich? Zweistellige Zahlen sind normal, dreistellige nicht selten.
- Echte Durchlaufzeiten je Schritt und je Variante, gemessen statt geschätzt.
- Schleifen und Nacharbeit: wie oft ein Vorgang zurückgeht.
- Regelabweichungen: Freigaben, die nach der Zahlung erfolgten; Vier-Augen-Prinzip, das ein Auge war.
Werkzeuge dieser Klasse sind Celonis, SAP Signavio Process Intelligence, UiPath Process Mining, Apromore, Disco und die quelloffene Bibliothek PM4Py.
Die Voraussetzung ist hart: Ohne durchgängiges Log über die Systemgrenzen hinweg gibt es keine Analyse. Prozesse, die per E-Mail, Telefon oder Papier laufen, hinterlassen keine Spur. Genau dort liegt in Verwaltungsprozessen oft die Wartezeit.
Was Prozesssimulation tut
Sie bildet den Ablauf als Modell nach und lässt Vorgänge künstlich hindurchlaufen: mit gezogenen Ankünften, gezogenen Bearbeitungsdauern, begrenzter Kapazität. Nötig sind Mengen, Spannen, Kapazitäten und ein Kalender. Schätzungen sind zulässig, solange sie als Annahmen sichtbar bleiben.
Daraus entsteht:
- Der Engpass unter Schwankung, gerechnet am Spitzentag statt im Mittel.
- Durchlaufzeit als Band aus P50 und P90, für einen Zustand, den es noch nicht gibt.
- Die Wanderung des Engpasses nach einer Massnahme.
- Der Wert einer Änderung in Euro, vorher gegen nachher.
Nebeneinander
| Process Mining | Prozesssimulation | |
|---|---|---|
| Frage | Was ist passiert? | Was passiert, wenn …? |
| Grundlage | Event-Log aus Systemen | Annahmen: Mengen, Spannen, Kapazitäten |
| Voraussetzung | Durchgängige Protokollierung | Keine, drei Zahlen je Schritt genügen |
| Stärke | Wahrheit über den Ist-Zustand | Aussage über einen Zustand, den es nicht gibt |
| Blind für | alles, was nicht protokolliert wird | alles, was Sie nicht annehmen |
| Typischer Aufwand | Wochen bis Monate, mit IT | ein halber Tag, ohne IT |
| Typische Kosten | Plattform, Datenanbindung, Betrieb | Werkzeuglizenz, meist deutlich kleiner |
| Ergebnis | Varianten, Kennzahlen, Abweichungen | Engpass, Band, Vorher/Nachher in Euro |
Die Verwechslung, die Geld kostet
„Wir machen erst Mining und wissen dann, was die Automatisierung bringt.“
Nein. Mining sagt Ihnen sehr genau, wie lange die Erfassung heute dauert. Was es nicht sagt: was passiert, wenn die Erfassung morgen halb so lange dauert. Denn dann trifft die volle Menge den nächsten Schritt, der heute gedrosselt wird, und der Engpass wandert. Diese Folgewirkung steht in keinem Log, weil sie noch nicht stattgefunden hat.
Einige Mining-Plattformen bieten inzwischen Simulationsbausteine an. Prüfen Sie dort dieselben zwei Fragen wie bei jedem anderen Werkzeug: Bildet es Warteschlangen vor belegten Schritten ab, oder summiert es Dauern entlang der Pfade? Und kommt das Ergebnis als Band oder als einzelne Zahl?
Umgekehrt gilt genauso: Eine Simulation, die behauptet, den Ist-Zustand exakt zu kennen, überschätzt sich. Sie kennt die Annahmen, die Sie eingetragen haben. Die Gegenprobe mit Little's Law (Bestand ÷ Tagesdurchsatz gegen die gerechnete Durchlaufzeit) ist deshalb Pflicht, nicht Kür.
Wie beide zusammenarbeiten
Die stärkste Kombination ist unspektakulär: Mining liefert die Eingangswerte, die eine Simulation sonst schätzen müsste.
| Simulationseingabe | Aus dem Mining |
|---|---|
| Ankunftsmenge und Spitzenfaktor | Zeitstempel der ersten Aktivität je Vorgang |
| Bearbeitungsdauer als Spanne | Differenzen zwischen Start- und Endereignis, als Verteilung |
| Routing-Anteile | Häufigkeit der Varianten |
| Schleifen und Nacharbeit | Rücksprünge im Log |
| Abbruchquote | Vorgänge ohne Endereignis |
Wer beides hat, ersetzt die schwächste Stelle der Simulation, die geschätzten Eingaben, durch gemessene. Wer nur eines hat, sollte wissen, welche Frage er damit nicht beantworten kann.
Die Entscheidung
Nehmen Sie Process Mining, wenn:
- ein durchgängiges Event-Log existiert oder mit vertretbarem Aufwand entstehen kann,
- niemand weiss, wie der Prozess tatsächlich läuft,
- Regeltreue, Varianten oder Nacharbeit die Frage sind,
- Sie dauerhaft messen wollen, nicht einmalig entscheiden.
Nehmen Sie Simulation, wenn:
- Sie eine Änderung bewerten wollen, bevor sie stattfindet,
- der Prozess ausserhalb von Systemen stattfindet (E-Mail, Telefon, Papier),
- die Entscheidung diesen Monat fällt,
- Sie eine Zahl in Euro brauchen, die jemand unterschreibt.
Beides, wenn Sie ein Log haben und trotzdem in die Zukunft rechnen wollen. Das ist der Regelfall in grösseren Häusern, und die Reihenfolge ist: erst messen, dann rechnen.
Häufige Fragen
Brauche ich ein Event-Log für eine Prozesssimulation?
Nein. Simulation rechnet Annahmen, keine Protokolle. Nötig sind Mengen, Bearbeitungsdauern als Spannen und Kapazitäten je Schritt. Geschätzt ist zulässig, solange die Schätzung als Annahme sichtbar bleibt. Ein Event-Log ist hilfreich, weil es diese Eingaben durch gemessene Werte ersetzt, aber es ist keine Voraussetzung.
Kann Process Mining Was-wäre-wenn-Fragen beantworten?
Nur eingeschränkt. Ein Log enthält, was passiert ist, nicht was passieren würde. Die zentrale Wirkung einer Massnahme, dass nämlich der Engpass danach auf einen anderen Schritt wandert und dieser die volle Menge bekommt, hat noch nicht stattgefunden und steht deshalb in keinem Log. Manche Plattformen bieten Simulationsbausteine an; prüfen Sie dort, ob Warteschlangen abgebildet werden und ob das Ergebnis als Spanne kommt.
Was ist billiger?
In aller Regel die Simulation, und meist um Grössenordnungen. Mining kostet Plattform, Datenanbindung, Datenschutzprüfung und laufenden Betrieb, und die Einführung dauert Wochen bis Monate. Eine Simulation für einen abgegrenzten Prozess kostet einen halben Tag Arbeit und braucht keine IT. Der Vergleich ist allerdings schief: Die beiden liefern verschiedene Dinge.
Unser Prozess läuft grösstenteils per E-Mail. Was hilft?
Simulation. Ein Prozess ohne durchgängige Protokollierung hinterlässt kein verwertbares Event-Log, und gerade Wartezeiten in Postfächern erscheinen dort nie. Für ein Simulationsmodell genügt, was die Beteiligten wissen: wie viele Vorgänge kommen, wie lange die Bearbeitung dauert und wie viel Kapazität da ist.
Sollten wir erst Mining einführen und danach simulieren?
Nur, wenn die Mining-Einführung ohnehin geplant ist. Als Voraussetzung für eine Simulation ist sie es nicht, und eine Entscheidung, die diesen Monat fällt, wartet nicht auf ein Projekt, das ein halbes Jahr dauert. Umgekehrt ist die Kombination sinnvoll, sobald das Log existiert: Dann ersetzen gemessene Werte die geschätzten Eingaben.
Rechnen Sie es an Ihrem eigenen Prozess durch
FlowVisual macht aus den Zahlen dieses Artikels ein Modell, das läuft, mit Ihren Mengen, Ihren Kapazitäten, Ihrer Spanne.
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