Prozess simulieren: acht Schritte mit durchgerechnetem Beispiel
Einen Prozess zu simulieren heisst: in einem Satz abgrenzen, den Ablauf grob in fünf bis zehn Schritte zerlegen, je Schritt Menge, Bearbeitungsdauer als Spanne und Kapazität erheben, den Ankunftsstrom mit Schwankung und Spitzenfaktor beschreiben, das Modell hunderte Male laufen lassen, das Ergebnis mit Little's Law gegen die Wirklichkeit prüfen, dann genau einen Hebel ändern und neu rechnen. Der Aufwand liegt bei einem halben Tag, und der grösste Teil davon ist Datenbeschaffung, nicht Rechnen. Das Ergebnis ist eine Spanne — P50 und P90 — plus die Aussage, wohin der Engpass nach der Massnahme wandert.
Diese Anleitung ist werkzeugunabhängig: Sie funktioniert in einem Simulationslabor genauso wie in einer Python-Bibliothek oder in einem schlanken Entscheidungswerkzeug. Die tastenweise Fassung für FlowVisual steht in der Praxisanleitung.
Schritt 1: Abgrenzen, in einem Satz
„Vom Eingang der Rechnung bis zur Freigabe zur Zahlung.“
Dieser Satz muss von allen Beteiligten unterschrieben werden können. Ohne ihn diskutieren zwei Bereiche über verschiedene Prozesse und wundern sich, warum ihre Zahlen nicht zusammenpassen.
Fehlt der Satz, ist er die eigentliche Arbeit — nicht das Rechnen.
Schritt 2: Grob zerlegen, fünf bis zehn Schritte
Nicht dreissig. Der Engpass sitzt an der Stelle mit der höchsten Auslastung, und die ist bei grober Modellierung genauso sichtbar wie bei feiner. Jede zusätzliche Aktivität kostet fünf Eingabefelder und bewegt das Ergebnis nicht.
Drei Regeln:
- Eine Verzweigung nur dort, wo der Vorgang wirklich abzweigt — mit Anteil je Kante.
- Ein Abbruch für alles, was den Prozess verlässt: zurückgezogen, abgelehnt, versandet. Ohne Abbrüche rechnen Sie mit Mengen, die nie ankommen.
- Wartezeiten sind keine Schritte. Sie entstehen im Modell von selbst, sobald Kapazität knapp ist. Wer „Liegezeit 3 Tage“ als Schritt einträgt, hat das Ergebnis vorweggenommen statt es zu rechnen.
Schritt 3: Drei Zahlen je Schritt
| Angabe | Wo sie liegt | Ersatz |
|---|---|---|
| Menge pro Tag | ERP, Ticketsystem, Eingangsliste | Vier Wochen zählen |
| Bearbeitung von–bis | Zeiterfassung, Selbstauskunft | Drei Bearbeitende getrennt fragen, Spanne aus deren Antworten |
| Kapazität | Stellenplan × produktive Stunden | Personen × Stunden × 0,7 |
Zur Spanne: „5 bis 15 Minuten“ ist eine bessere Angabe als „im Schnitt 10“ — und Fachbereiche geben sie bereitwilliger, weil sie ehrlicher ist. Die Streuung ist keine Ungenauigkeit, sie ist die Ursache der Warteschlange.
Zur Kapazität: Rechnen Sie mit sieben produktiven Stunden je Vollzeitstelle, nicht mit acht. Besprechungen, Rückfragen und Störungen sind keine Bearbeitungszeit.
Schritt 4: Den Ankunftsstrom beschreiben
Der am häufigsten übersprungene Schritt, und der folgenschwerste. Drei Angaben:
- Mittlere Menge pro Arbeitstag.
- Schwankung — kommen die Vorgänge gleichmässig oder in Schüben?
- Spitzenfaktor — wie viel mehr an einem starken Tag? Monatsende oder Wochenanfang, Faktor 1,5 bis 2 ist üblich.
Wer mit einem glatten Mittelwert rechnet, simuliert einen Prozess, der nie unter Last steht — und bekommt eine Durchlaufzeit, die es im Betrieb nie gibt.
Schritt 5: Rechnen lassen, hunderte Male
Ein einzelner Lauf ist eine Stichprobe von eins. Erst die Wiederholung mit neuen Zufallszahlen erzeugt das Ergebnis, um das es geht: eine Verteilung, aus der sich P10, P50 und P90 lesen lassen.
Ausgabe, die Sie brauchen: Durchsatz, Durchlaufzeit als Band, Auslastung je Schritt, Warteschlangenlängen.
Schritt 6: Die Gegenprobe
Little's Law ist die billigste Prüfung, die es gibt, und sie gilt ohne Annahmen über Verteilungen:
Durchlaufzeit W = Bestand L ÷ Durchsatz λ
Zählen Sie die heute wartenden Vorgänge, teilen Sie durch den Tagesdurchsatz, vergleichen Sie mit dem, was Ihr Modell ausgibt.
- Passt es ungefähr: weiter.
- Modell deutlich schneller als die Wirklichkeit: Es fehlt eine Warteschlange. Fast immer eine Rückfrage, eine zweite Freigabestufe oder ein Sammellauf.
- Modell deutlich langsamer: Sie haben Kapazität unterschätzt oder eine Verzweigung übersehen, die Menge herausnimmt.
Schritt 7: Einen Hebel ändern
Ist-Stand sichern. Dann genau eine Änderung:
- Kapazität erhöhen
- Streuung senken (Vorgänge nach Typ trennen, Eingänge glätten, Rückfragen abschaffen)
- Menge umleiten (Wertgrenzen, Stichproben statt Vollprüfung)
- Schritt automatisieren
Neu rechnen, vergleichen. Dann zurück und den nächsten Hebel. Drei Änderungen gleichzeitig ergeben eine Zahl, die sich hinterher keinem Hebel zuordnen lässt.
Schritt 8: Aufschreiben, mit Annahmen
Vier Bestandteile: Rangfolge der Auslastungen am Spitzentag, Durchlaufzeit als P50 und P90, Wirkung des Hebels in Zeit und Euro samt neuem Engpass, und die Liste dessen, was nicht abgedeckt ist.
Das Beispiel, vollständig gerechnet
Beispielmodell, keine Kundendaten.
Prozess: Bearbeitung von Erstattungsanträgen. 80 Anträge je Arbeitstag, Spitzenfaktor 1,6 am Monatsanfang.
| Schritt | Bearbeitung | Kapazität | Bedarf/Tag | Kapazität/Tag | Auslastung |
|---|---|---|---|---|---|
| Eingang prüfen | 3–6 min | 1 Person | 360 min | 420 min | 86 % |
| Sachlich prüfen | 8–20 min | 3 Personen | 1 120 min | 1 260 min | 89 % |
| Freigabe | 2–5 min | 1 Person (nebenbei) | 280 min | 300 min | 93 % |
| Auszahlung | Sammellauf | 2× pro Woche | — | — | — |
Erste Lesart: Der Engpass ist die Freigabe (93 %), knapp vor der sachlichen Prüfung (89 %). Alle drei liegen über 85 % — das heisst, die Wartezeit beträgt bereits ein Vielfaches der Bearbeitungszeit, und am Spitzentag mit Faktor 1,6 stehen alle drei über 100 %.
Simulationsergebnis: Durchlaufzeit P50 = 4,8 Tage, P90 = 11,2 Tage. Die Bearbeitungszeit summiert sich auf 13 bis 31 Minuten. Zwischen 25 Minuten und 4,8 Tagen liegt die eigentliche Frage.
Gegenprobe: Im Postkorb liegen im Schnitt 390 Anträge, Durchsatz 80/Tag → 4,9 Tage. Passt.
Hebel A — eine halbe Stelle mehr in der sachlichen Prüfung: P50 sinkt auf 3,9 Tage, P90 auf 8,4. Der Engpass steht jetzt eindeutig bei der Freigabe (93 %).
Hebel B — feste Vertretung für die Freigabe, statt Nebentätigkeit einer Person: P50 sinkt auf 3,1 Tage, P90 auf 6,0. Die Streuung des Freigabeschritts war der grössere Hebel, obwohl er keine Stelle kostet.
Hebel C — Auszahlung täglich statt zweimal wöchentlich: P50 −0,7 Tage, praktisch kostenlos.
Rangfolge nach Wirkung je Aufwand: C, B, A. Die klassische Antwort — mehr Personal — steht an letzter Stelle.
Die fünf teuren Fehler
- Wartezeit als Schritt eintragen. Damit ist das Ergebnis vorweggenommen.
- Mit Mittelwerten statt Spannen rechnen. Ohne Streuung keine Warteschlange, ohne Warteschlange keine realistische Durchlaufzeit.
- Den Spitzentag weglassen. Ein Prozess mit 85 % im Mittel steht am Spitzentag über 100 % — dort entsteht der Rückstau, der sich wochenlang hält.
- Zu fein modellieren. Dreissig Schritte, dieselbe Antwort, dreifacher Aufwand.
- Ohne Gegenprobe veröffentlichen. Little's Law kostet fünf Minuten und rettet die Glaubwürdigkeit.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, einen Prozess zu simulieren?
Für einen abgegrenzten Prozess mit fünf bis zehn Schritten: ein halber Tag reiner Arbeit, verteilt über etwa eine Woche Kalenderzeit. Der grösste Anteil ist Datenbeschaffung, nicht Modellbau — das Modell selbst steht in rund 30 Minuten. Länger wird es nur, wenn die Abgrenzung strittig ist.
Welche Daten brauche ich mindestens?
Drei Zahlen je Schritt — Menge, Bearbeitungsdauer als Spanne, Kapazität — plus die Beschreibung des Ankunftsstroms mit Schwankung und Spitzenfaktor. Alles darf geschätzt sein, solange die Schätzung als Annahme im Ergebnis mitgeführt wird. Ein Event-Log ist nicht nötig; das brauchen Sie nur, wenn Sie die Vergangenheit messen statt eine Änderung rechnen wollen.
Woran merke ich, dass mein Modell falsch ist?
An Little's Law: Zählen Sie die wartenden Vorgänge und teilen Sie durch den Tagesdurchsatz. Liegt die gemessene Durchlaufzeit deutlich über der gerechneten, fehlt im Modell eine Warteschlange — meist eine Rückfrage, eine zweite Freigabestufe oder ein Sammellauf. Diese Prüfung kostet fünf Minuten und ist die wirksamste, die es gibt.
Sollte ich Wartezeiten als eigene Schritte modellieren?
Nein. Wartezeit entsteht im Modell von selbst, sobald ein Schritt nicht genug Kapazität für die ankommende Menge hat. Wer sie als festen Schritt einträgt, setzt das Ergebnis voraus, das er berechnen wollte — und kann anschliessend nicht mehr zeigen, wie sich die Wartezeit ändert, wenn Kapazität oder Streuung sich ändern.
Warum nur einen Hebel je Rechnung ändern?
Weil sich sonst die Wirkung nicht zuordnen lässt. Ändern Sie Kapazität, Streuung und Routing gleichzeitig, bekommen Sie eine bessere Zahl, aber keinen Business Case: Niemand kann sagen, welcher Teil der Investition sie erzeugt hat. Einzeln gerechnet entsteht eine Rangfolge nach Wirkung je Aufwand — und die enthält oft eine kostenlose Massnahme an erster Stelle.
Rechnen Sie es an Ihrem eigenen Prozess durch
FlowVisual macht aus den Zahlen dieses Artikels ein Modell, das läuft — mit Ihren Mengen, Ihren Kapazitäten, Ihrer Spanne.
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